"Wir wollen mehr Qualität"

Veröffentlicht am 04.02.2012 in Landespolitik

Neue Württembergische Zeitung
Geislinger Zeitung

Ein neuer Wind weht in der Bildungspolitik: Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer setzt auf längeres gemeinsames Lernen und mehr Ganztagesbetreuung. Im Interview steht sie Rede und Antwort.

Die Gemeinschaftsschule stößt im Kreis Göppingen offenbar auf Sympathie. Zwei Schulen haben sich beworben, nur eine hat den Zuschlag erhalten: Bad Boll. Wie groß ist die Chance, dass Süßen doch noch zum Zuge kommt?

GABRIELE WARMINSKI-LEITHEUSSER: Die Antwort hängt von der Qualität des pädagogischen Konzeptes und von der Einschätzung ab, die wir gemeinsam mit den Schulen finden: Wie schnell sieht sich die Schule in der Lage, das Konzept umzusetzen? Wir haben jetzt 34 Starterschulen oder Pionierschulen, wie ich gerne sage, die nach der endgültigen Antragsstellung im Frühjahr voraussichtlich im Schuljahr 2012/13 an den Start gehen werden. Es kann gut sein, dass sich im Laufe der nächsten Wochen noch weitere Schulen als geeignet herausstellen und Anträge stellen werden.

Die Schickhardtschule Bad Boll wird eine inklusive Gemeinschaftsschule. Macht sie das zur Vorzeigeschule im Land?

WARMINSKI-LEITHEUSSER: Die Gemeinschaftsschulen werden alle inklusiv arbeiten. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Das Land wird die EU-Behindertenkonvention rechtlich umsetzen und eine entsprechende Vorschrift ins Schulgesetz aufnehmen. Die Gemeinschaftsschulen sind auch in dieser Hinsicht Pionierschulen. Deshalb haben wir zusätzliche Ressourcen bereitgestellt, um sonderpädagogische Förderung zu ermöglichen.

Wie lange wird es dauern, bis es die Gemeinschaftsschulen flächendeckend gibt?

WARMINSKI-LEITHEUSSER: Das hängt davon ab, wie erfolgreich sie sind. Die Akzeptanz der Gemeinschaftsschulen ist jetzt schon groß. Das sehen wir an der großen positiven Resonanz auf die 34 Starterschulen. Die Akzeptanz wird weiter wachsen in dem Maße, wie die Eltern sehen, dass ihre Kinder so stark gefördert werden, dass deren Persönlichkeit stabilisiert wird. Die Idee dieser Schulart ist einfach bestechend. Hinzu kommt, dass viele Kommunen im ländlichen Raum ein großes Interesse haben, in erreichbarer Nähe ein möglichst breites weiterführendes Schulangebot zu haben. Aber wir werden bei der Genehmigung selbstverständlich auf die Qualität achten und unsere Standards einhalten. Denn wir wollen den Eltern auch garantieren, dass diese Schulen stark auf Leistung setzen.

Ein Schulleiter oder ein Kollegium hat viele Möglichkeiten, Veränderungen voranzutreiben oder zu blockieren. Was können Sie da zur Motivationssteigerung anbieten?

WARMINSKI-LEITHEUSSER: Klar ist natürlich, dass wir gegen den Willen der Kollegien keine Gemeinschaftsschule einführen wollen und können. Hier ist es wie bei den Eltern, dass die guten Beispiele zählen. Schauen Sie, gerade die Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen erzählen begeistert davon, dass sie zwar mehr arbeiten müssen, dafür aber auch auf überaus motivierte Schüler setzen können und deshalb mit ihrer Arbeit besonders zufrieden sind. Zudem ist die Teamarbeit für viele Lehrkräfte sehr überzeugend. Außerdem bauen wir ein Fortbildungskonzept auf, das viele Pädagoginnen und Pädagogen überzeugen wird. Ich bin mir sicher, dass wir keine Probleme haben werden, Lehrkräfte zu finden.

Solche Dinge wie Anwesenheitspflicht für Lehrer an der Schule . . .

WARMINSKI-LEITHEUSSER: Das kann man regeln. Es ist selbstverständlich jetzt schon so, dass Lehrerinnen und Lehrer eine Arbeitszeit haben wie andere Beamte auch. Es gibt deshalb ein schiefes Bild, wenn man allein auf die Wochenstunden abhebt, die ein Lehrer direkt an der Schule ableisten muss. Natürlich muss auch die Vorbereitungszeit für den Unterricht betrachtet werden. Um es klar zu sagen: Wenn Sie die große Belastung anschauen, die Lehrer vielfach aushalten müssen, können wir alle sehr dankbar sein für das große Engagement der weitaus meisten Pädagogen. Die Arbeit an der Schule wird sich sehr verändern. Die Halbtagsschule, bei der man den Nachmittag zuhause verbrachte, gehört definitiv der Vergangenheit an. Das wissen die Lehrer aber auch selbst.

Gabriele Warminski-Leitheußer (48) ist seit Mai 2011 baden-württembergische Ministerin für Kultus, Jugend und Sport. Davor war die Juristin Bürgermeisterin für Bildung, Jugend, Sport und Gesundheit der Stadt Mannheim.

 

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