„Wir verlieren erneut Zeit für eine wirklich realistische Schulreform!“

Veröffentlicht am 01.02.2010 in MdB und MdL

Schulgespräch von MdL Peter Hofelich zur Werkrealschule

Die neue zweizügige Werkrealschule ist im Kreis Göppingen nun den Gemeinden zugeordnet und harrt der endgültigen Bestätigung durch die Kultusbürokratie. „Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass bis zum Planungshorizont 2015/2020 zahlreiche weitere Hauptschulen nicht mehr zweizügig sein werden. Neuer Konzentrationsdruck entsteht so. Dies wird nach diesen Studien die Gemeinden im Kreis Göppingen besonders treffen. Wir verlieren durch die kurzsichtige CDU-Schulpolitik deshalb erneut wertvolle Zeit für eine wirkliche Schulreform“, so MdL Peter Hofelich am Ende des zurückliegenden sechsten Treffens seiner Reihe ‚Schulgespräche’.

Gemeinsam mit Interessierten aus Lehrerschaft, Kommunalpolitik und Weiterbil-dungseinrichtungen diskutiert der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete regel-mäßig aktuelle Themen aus den Schulen. Diesmal: Die Einführung der Werkreal-schule. Der Abgeordnete bestätigte dem Göppinger Schulamt, dass es die Debatten mit den Gemeinden über die Zukunft von deren Hauptschulen gut geführt hat. Die Filstalachse als Schulstandort werde zum größten Teil mit Werkrealschulen neuen Typs stabilisiert. Bitter und unnötig sei die Ausdünnung außerhalb des Filstales.

Dass die Probleme im dreigliedrigen Schulsystem aber möglicherweise erst richtig beginnen, zeige die Studie eines Konstanzer Soziologen-Teams, das im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft angefertigt wurde. Danach kann, bei den heute bekannten Übergangsquoten in Realschulen und Gymnasien, nur noch für 10 Prozent der baden-württembergischen Kommunen mit einer zweizügigen Hauptschule für 2020 gerechnet werden. Für den Kreis Göppingen ist in der Studie ein Minus von 43 Prozent bei den Hauptschulen vermerkt, ein negativer Spitzenwert in Baden-Württemberg. In dieser Situation sei es wichtig, so Hofelich, „einerseits die bestehenden Schulstandorte attraktiver zu machen“, andererseits mit Schülern, Eltern, Lehrern und der Kommunalpolitik auf ein reformiertes Schulwesen zu drängen“. Ersteres werde man immer machen und er freue sich über kleine Erfolge. Letzteres gehe nur bei veränderten politischen Mehrheiten im Lande.

Holger Kissling und Regina Ilg, Vorstandsmitglieder der GEW, verdeutlichten, dass die Landesregierung mit der Einführung von Werkrealschulen natürlich auch auf Einsparungen abziele. 9 Hauptschulleitungen weniger wird es laut Kissling beispielsweise im Kreis Göppingen geben. Hauptthema bleibe aber die künftige Wertigkeit der
Werkrealschule, die einer auf soziale Zusammenführung ausgerichteten Kommunalpolitik nicht gefallen kann. Stadträtin Heidrun Schellong: „Wenn durch die interne Aufspaltung der Satz die Runde macht ‚Mein Kind hat es nicht geschafft, auf die Werkrealschule zu kommen’, dann entsteht Aggression!“

Die unter Moderation von Akademiedirektor a.D. Albrecht Daur tagende Runde vereinbarte folgende Aktionspunkte im Kreis:

Erstens müsse es gelingen, die Qualität an allen Hauptschulstandorten zu sichern. Das heiße, flächendeckende Einführung der Ganztagesschule, eine bessere Lehrerversorgung sowie intensivere Schulsozialarbeit. Zweitens komme der Kooperation mit den Werkrealschulen eine besondere Bedeutung zu. Durch ein gutes Kooperationsklima könne der Kreis einen Standortvorteil erreichen. Drittens stellen die auf mehrere Gemeinden verteilten Werkrealschulstandorte eine enorme Herausforderung für den öffentlichen Nahverkehr dar. Hier müssten schnellstens Lösungskonzepte erarbeitet werden. Viertens gelte es, die Chancengleichheit für die Schüler zu wahren. „In den Werkrealschulen müssen frühe Selektion in A- und B-Klassen vermieden werden“, so Armi Roth-Bernstein-Wiesner. Fünftens schließlich gelte es, die jetzt verbliebenen Schulstandorte – ob Werkrealschule oder klassische Hauptschule – zu erhalten. Längerfristig gehe das aber eben nur mit einer veränderten Schulpolitik im Lande, welche längeres gemeinsames Lernen, individuelle Förderung und integrativen Unterricht als Maßstab habe und damit Standorte stabilisiere. Peter Hofelich: „Allein die Ausweitung der Grundschulzeit auf sechs Jahre würde mancher um Schüler ringenden Gemeinde gut tun!“

Regina Ilg am Ende optimistisch: „In der Diskussion um die Schulreform hat sich in den letzten Jahren enorm viel bewegt. Das Interesse der Bürger ist merklich gestie-gen“. Peter Hofelich abschließend: „Es ist ein Spagat, den unnötigen Umweg der Werkrealschule heute um der Schüler und Eltern willen positiv zu begleiten und gleichzeitig für ein deutlich verändertes Schulwesen der Zukunft einzutreten. Vielleicht könnte es aber gerade ein selbstbewusstes Signal aus dem Kreis Göppingen sein, jetzt den Blick nach vorne zu richten und für bessere Qualität in einem besse-ren Bildungssystem im Kreis zu kämpfen!“

 

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