Reverenz an den Vordenker

Veröffentlicht am 26.11.2011 in Kreisverband

Großer Bahnhof bei der Tagung zu Ehren von Erhard Eppler in Bad Boll. Auch der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel (l.)

Neue Württembergische Zeitung

Bad Boll. Erhard Epplers Thesen zur Ökologie und zum Wachstum sind aktueller denn je. Dies zeigt die Tagung zu seinem 85. Geburtstag in Bad Boll, die gestern begann. Zu den Referenten gehörte Sigmar Gabriel.

Wie sich die Welt geändert hat: Vor mehr als 30 Jahren, so verriet Erhard Eppler in seinem Einführungsreferat, habe ihm Helmut Schmidt unterstellt, er wolle ein Null-Wachstum. Auf Epplers Widerspruch hin ließ Schmidt durchblicken, dass er gar nicht so genau wissen wolle, was Eppler denke. Heute, so bestätigt die frühere niedersächsische Umweltministerin Monika Griefahn dem Vordenker in Bad Boll, sei Eppler Mainstream - die große Mehrheitsmeinung.

Was Eppler wirklich dachte, ist heute im Zeichen der Schuldenkrise hochaktuell. Wachstum sei bloß ein Dogma, warnt er. Es komme darauf gar nicht an, es sei nur eine statistische Zahl. Wichtig sei: "Was soll wachsen und was nicht", sagt der Vordenker. Beispielsweise erneuerbare Energien oder der Markt an Pflegekräften. Ein solches gezieltes Wachstums-Programm habe beispielsweise der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier seinerzeit vorgelegt. Der falsche Glaube, der Markt sei klüger als die Politik, und davon würden schon alle profitieren, habe zu einer beispiellosen Verschuldung geführt, die jetzt erst recht nach Wachstum schreie, um die Schulden zu bezahlen.

Epplers Rezept: Nicht das ständige Wachstum schaffe Lebenszufriedenheit, die habe sich seit 40 Jahren gar nicht erhöht, sondern eine sozial gerechtere Gesellschaft, die weniger Ungleichheit aufweise und damit besser fahre. "Die USA habe achtmal soviel Häftlinge wie Europa", merkt Eppler an. Nur habe er Sorge, dass Deutschland von seinem Platz im Mittelfeld in die Abwärtsspirale rutschen könne.

Monika Griefahn zeigte, wie Epplers Forderung nach Umweltschutz Deutschland verändert hat. Als Mitgründerin von Greenpeace und spätere Ministerin hat sie die Kämpfe mit der Industrie ausgefochten, die Dünnsäure im Meer verklappte und den Himmel über dem Ruhrgebiet schwefelgelb färbte. Es sei gerade das Gegenteil eingetreten, was die konservative Presse Eppler vorgeworfen habe: Die Lebensqualität sei besser geworden. Jetzt gelte es, Kreislaufwirtschaften zu etablieren, die praktisch alle Produkte recycelbar machten.

Sigmar Gabriel, Bundesvorsitzender der SPD und früherer Bundesumweltminister, konnte sich dem nur anschließen. Gegen den Widerstand - auch der Arbeiter - habe man Umweltschutzauflagen von Firmen gefordert. Das habe zu einem unglaublichen Fortschritt geführt. Heute würden Autos von vornherein recycelbar geplant. Vorbild sei Deutschland bei den erneuerbaren Energien, die 400 000 Arbeitsplätze gebracht hätten. Der Umweltschutz sei eine globale Frage geworden, so Gabriel, weil man die Atmosphäre als große Mülldeponie missbraucht habe. Jetzt müsse man deren Schutz weltweit durchsetzen, zumal die Weltbevölkerung auf sieben Milliarden gestiegen sei und alle in einer Industriegesellschaft leben wollten.

Der Marktradikalismus ist zu Ende, sagt auch Gabriel. "Ich vermute, dass wir an einer Zeitenwende stehen." Es sei wieder an der Zeit, sich auf den Wert des Menschen zu besinnen und ihn nicht länger als Schachfigur auf einem Brett zu betrachten. Das sei ein ur-sozialdemokratisches Thema. Der Kapitalismus müsse gebändigt, die soziale Marktwirtschaft neu hergestellt werden. Eppler und andere hätten das vor 20 und 30 Jahren schon vorgedacht. "Er war ein historischer Optimist, das eint uns", so seine Reverenz an den Vordenker.

Diese Einigkeit geht weit zurück. Schon 1977 bei seinem Eintreten in die SPD war Gabriel wie Eppler ein Atomkraft- und ein Nato-Doppelbeschluss-Gegner. "Wir waren damals in der Minderheit", sagt er, "aber in der SPD sah ich eine Partei, bei der es sich lohnt, dafür zu streiten."

Extrem spannend: Stimmen zur Eppler-Tagung

"Extrem spannend". Mit diesem Gefühl sah der Akademie-Direktor Joachim Beck der Tagung zu Erhard Epplers Thesen entgegen. Die Akademie Bad Boll sei dafür ein berufener Ort. Eppler ist ihr seit langem verbunden.

Für den langjährigen Akademie-Studienleiter Jobst Kraus, Referent der Tagung, ist Eppler "einer der gradlinigsten und vorausschauenden Politiker." Er repräsentiere die ökologische Frage, an der die SPD etwas vorbeigegangen sei.

William Möller aus Zell war immer beeindruckt von Eppler als Politiker, Philosoph und Persönlichkeit. Gerne nutzte er die Möglichkeit auch mal den "Powerman" Sigmar Gabriel zu sehen.

Für Gabriele Brändle, Gemeinderätin aus Börtlingen wars die erste Begegnung mit Eppler. Sie schätzt an ihm seine scharfe Analyse von Politikersprache. Sie will sich dem Freundeskreis Erhard Eppler anschließen, der die Tagung mitorganisiert hat.

 

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