Allen Grund zur Freude

Veröffentlicht am 28.03.2011 in Landespolitik

Rückt über die Zweitauszählung in den Landtag ein: Sascha Binder (SPD). FOTO: GZ

JOANNA STOLAREK/GÜNTER HOFER/KARIN TUTAS, Geislinger Zeitung

Kreis Göppingen. Drei Kandidaten hatten allen Grund zum Feiern: Nicole Razavi (CDU) holte das Direktmandat, Sascha Binder (SPD) wird ebenfalls im Landtag sitzen und Bernhard Lehle (Grüne) machte aus dem Stand 21,3 Prozent.

Kurz vor 18 Uhr ist die Spannung in der Seemühle in Geislingen fast unerträglich. Gebannt schauen die Anhänger der Grünen auf den Bildschirm, alle um ihren Kandidaten Bernhard Lehle geschart: Jetzt kommen die ersten Hochrechnungen. Grün-Rot liegt vorn. Jubel, Schreie und überschäumende Freude. "Endlich!", "Wir haben es geschafft", hört man hier und da, Menschen liegen sich in den Armen. Die Stimmung ist gelöst. "Behle", wie Bernhard Lehle allgemein genannt wird, bekommt feuchte Augen. Er weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Die etwa 30 Besucher der Wahlparty skandieren im Chor: "Weg mit Mappus." Glückwünsche für Behle, sein Handy klingelt unentwegt. Jemand bringt eine Magnumflasche Sekt: "Leute, trinkt! Wir haben heute einen Grund zum Feiern."

"Ein Tag so wunderschön wie heute", so beginnt Walter Kißling, Kreisvorsitzender der Grünen seine kurze Ansprache. Auch er ist überwältigt vom Wahlergebnis. Das sei ein Impuls für Deutschland, zeige es doch, die Menschen möchten mehr Demokratie und Mitbestimmung. "Unsere Arbeit beginnt jetzt", betont Kißling. Zu tun gäbe es einiges, es werde nicht leicht "gegen den schwarzen Filz anzukämpfen, der uns oft Sand ins Getriebe schütten wird".

Manfred Binder und Ismail Mutlu aus Behles Wahlkampfteam nicken. Als der Sympathieträger Behle auf der Bühne steht, jubeln die Besucher. Walter Kßling hat ihm Blumen in die Hand gedrückt. Da steht Lehle nun. Es sei für ihn wie damals, als seine Frau ihm mitgeteilt habe, sie bekomme ein Kind: "Diese Freude und diese immense Verantwortung, die spüre ich jetzt und davor habe ich auch großen Respekt."

Die Stimmung kippt ein wenig, als es sich herausstellt, dass der 48-Jährige den Einzug in den Landtag knapp verpasst hat. Trotzdem freuen sich die Grünen über ihren Wahlsieg. Mit jeder Hochrechnung wird der Jubel lauter, die Stimmung noch gelöster.

Nicole Razavi findet sich gestern Abend im Ausstellungsraum beim Autohaus Maier in Kuchen ein. Knapp 100 Gäste sind dort versammelt, als sie gegen 17.50 Uhr, direkt aus Stuttgart kommend, eintrifft. Versteinerte Miene, kein Lächeln. Nach dem Griff zum Mikrofon sagt Razavi: "Ich möchte Sie vorwarnen, damit Sie nachher nicht zu sehr enttäuscht sind: Wir haben die Wahl verloren." Die erste Hochrechnung flimmert über einen Bildschirm. Keiner will glauben, dass sich Razavis Worte bewahrheiten. Erst bei Bekanntgabe der ersten Zahlen aus dem Wahlkreis Geislingen wird die Stimmung freundlicher. Kurz vor 20 Uhr - 14 der 27 Bezirke im Wahlkreis sind ausgezählt. Nicole Razavi nimmt die ersten Glückwünsche entgegen - es muss für das Direktmandat reichen. Im Vergleich zur Wahl 2006 hat die CDU-Abgeordnete zu diesem Zeitpunkt nur 1,7 Prozent verloren. Immer wieder recken sich ihr Hände entgegen, die sie schüttelt.

Gemischte Gefühle bei der SPD: "Wir können uns nie richtig freuen", seufzt eine Genossin und bringt die Stimmung im Foyer der Salacher Stauferlandhalle auf den Punkt. Nur einmal brandet Beifall auf bei der Wahlparty der Sozialdemokraten im Kreis Göppingen. "Mappus ist weg, das freut mich sehr", sagt Sascha Binder, Kandidat im Wahlkreis Geislingen. Aber dass die SPD nur noch drittstärkste Kraft im Land ist und nicht den Ministerpräsidenten stellen wird, ist der große Wermutstropfen im Freudenbecher. Auf ein rauschendes Fest hatten sich die Sozialdemokraten ohnehin nicht vorbereitet: Man feiert bodenständig mit Gulasch- und Erbsensuppe, Bier und nichtalkoholischen Getränken. Als die ersten Ergebnisse aus den Wahllokalen im Landkreis über die Leinwand flimmern, geht ein ums andere Mal ein Aufstöhnen durch den Raum. Zu fortgeschrittener Stunde doch noch einmal Grund zur Freude: Denn auch der Geislinger Kandidat Sascha Binder hat den Sprung ins Landesparlament geschafft.

 

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