Westbalkan: Emotionale Reise ins Elend

Veröffentlicht am 09.09.2015 in Europa

Josip Juratovic auf dem Platz des Busbahnhofs in Belgrad

Sechs Tage lang war eine sozialdemokratische Delegation unter der Leitung der Bundestagsabgeordneten Martin Rosemann und Josip Juratovic aus Baden-Württemberg unterwegs auf dem Westbalkan. Die Stationen waren Belgrad, Kragjujevac, Podgorica, Dubrovnik, Sarajevo und Mostar. Wir veröffentlichen heute den zugehörigen Reisebericht in der Heilbronner Stimme vom 5. September.

Die Hände von Josip Juratovic zittern. Seine Augen huschen rastlos von links nach rechts. Wenn er nicht gerade steht – und das tut er lange – rutscht er unruhig auf dem Stuhl hin und her. Er ist innerlich aufgewühlt und frustriert. Der Heilbronner SPD-Bundestagsabgeordnete ist erst vor Stunden von einer einwöchigen, bedrückenden Reise in den Westbalkan zurückgekehrt und hat das Flüchtlingselend hautnah erlebt. Jetzt sitzt er in der Redaktion der Heilbronner Stimme. An seiner Seite der Heilbronner SPD-Stadtrat Herbert Burkhardt. Er ist einer von zwölf weiteren Reiseteilnehmern aus allen Teilen der Gesellschaft.

Belgrad. Busbahnhof. „Der Platz ist voll von Flüchtlingen. Vor allem Syrer und Iraker. Die Menschen liegen im Dreck. Sie sind total übermüdet. Nichts funktioniert“, fasst der 56-jährige Politiker, der in Koprivnica im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde, seine erschütternden Eindrücke zusammen. Fassungslos berichtet Juratovic von Millionen Euro an Entwicklungsgeldern, die nach Serbien geflossen sind, „aber nie die Zivilgesellschaft erreicht haben. Die Bonzen haben sich die Taschen gefüllt.“

Es folgt ein Vorwurf, der unglaublich klingt: „Deutsche Entwicklungshelfer haben nur Leuchtturmprojekte im Kopf und leben hier wie die Made im Speck.“ Es sei alles außer Kontrolle geraten. Bei Gesprächen mit Rasim Ljajic, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Serbiens, und Bojan Pajtic, Chef der Demokratischen Partei, findet Juratovic deutliche Worte. Er kritisiert das Nichtstun und sagt: „Die guten Kräfte hauen ab. Was bleibt sind Arme und Verbrecher.“

Nächste Station ist Kragujevac, die viertgrößte Stadt Serbiens. Hier wird die Reisegruppe mit dem Leid von hunderten Sinti und Roma konfrontiert. Diese Menschen erhalten 20 Euro Sozialhilfe monatlich und das neun Monate lang. Dann gibt es nichts mehr. Was bleibt? „Sie kommen für drei Monte zu uns, werden abgeschoben – und neun Monate später beginnt das unwürdige Spiel von vorne“ erklärt Juratovic.

In Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, steht ein Treffen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Dusko Markovic auf dem Programm. Themen sind die Jugendarbeitslosigkeit, die bei 50 Prozent liegt, und die Korruption.

In Gorazde, eine Stadt im Osten von Bosnien Herzegowina, erleben Josip Juratovic und seine Freunde den serbischen Nationalismus in Reinkultur: Die Häuserfassaden sind bemalt mit den Köpfen der Kriegsverbrecher Mladic, Milosěvic und Karadžic. „Es herrscht enorme Angst, dass die alten Zeiten mit Töten und Leid zurückkehren“, hat Juratovic, der auch Integrationsbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion ist, erkannt: „Eine Waffe wurde abgegeben, die andere vergraben.“

Über Dubrovnik, Sarajewo, Mostar, die Insel Rab und Zagreb geht es zurück in die Heimat. 3.000 Kilometer sind zurückgelegt. „Ich bin völlig ernüchtert. Ohne Sicherheit und Ordnung wird der Balkan nicht auf die Beine kommen. Ansonsten drohen bürgerkriegsähnliche Zustände“, lautet das desillusionierte Fazit von Herbert Burkhardt. Leise fügt er hinzu: „Es wird einem himmelangst, wenn man das alles sieht.“

 

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