VORTRAG / Schorlemmer zu Gast in Göppingen

Veröffentlicht am 10.09.2007 in Arbeitsgemeinschaften

F. Schorlemmer, Träger des Friedenspreises des Dt. Buchhandels, beeindruckte die Zuhörer im VHS-Haus mit seinem Vortrag.

Warum Ältere jünger und Junge alt sind

Mit dem Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg hat sich der SPD-Kreisverband Göppingen 55 plus ein prominentes Parteimitglied zum Vortrag in die Volkshochschule geladen.

URSULA RESCH, NWZ

GÖPPINGEN Mit fast einstündiger Verspätung erschien Friedrich Schorlemmer im Göppinger VHS-Gebäude, wo der SPD-Kreisverband Göppingen 55 plus unter Leitung von Ewald A. Schniepp schon sehnsüchtig auf den Pfarrer aus Wittenberg wartete.

Bei seiner Rede zeigte sich der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 1993 sehr präsent, wortgewandt und ironisch provokant - kurzum ein Mann, dem man es anmerkt, dass er sich auf dem politischen Parkett auskennt und für den das Reden routinierter Alltag ist. Das angekündigte Thema "Vom großen Reformator Martin Luther bis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland" kam jedoch nicht zur Sprache, obwohl er als bester zeitgenössischer Luther-Kenner gilt.

Stattdessen ging Schorlemmer auf die derzeitige politische Lage samt einiger Rückblicke ein und bedauerte zutiefst, dass die jungen Menschen heutzutage so wenig erwartungsvoll sind, was bei den heute Älteren so nie der Fall war. Das mache die Älteren viel jünger und die Jüngeren alt.

Angeprangert wurde von Schorlemmer zudem, dass sich der Einzelne zu sehr in der Gemeinschaft unterordne, denn "ein Mensch, der sich selber aufgibt, darf nicht sein". Vor der viel gepriesenen Globalisierung ohne soziale Grundsicherung warnte er und fragte sich, wo denn die Schmerzgrenze sei. Könne man auf die Einführung von Hartz IV stolz sein? Schorlemmer zeigte sich keineswegs stolz darauf. "Verglichen mit anderen Sozialstaaten ist es zwar nicht der Schrecken pur, aber über Schmerz weiß man erst Bescheid, wenn man ihn hatte. Ich bin selbst ein freier Mann und kann mich nicht beklagen", gab der Theologe selbstkritisch zu.

Kritik an Hartz IV

Arbeit zu verlieren sei nicht nur eine soziale Frage, sondern auch menschlich eine Katastrophe, die vorwiegend bei Männern gefährlich werden könne, da dort ein Aggressionsüberschuss bestehe. "Wer Hartz IV abgekürzt H IV kriegt, fühlt sich wie HIV - als ob du es nicht mehr lange machst", baute der Bürgerrechtler eine Wortbrücke. Schließlich plauderte er noch aus dem Nähkästchen, wie es war, damals zu DDR-Zeiten und stellte fest, dass "allein gegen Diktatur gewesen zu sein, keine Befähigung für mehr" bedeute.

"Wir müssen verhindern, dass aus gescheitertem Marxismus ein gescheiterter Marktismus wird", appellierte er an die Parteifreunde. "Wer vertritt in der Politik die kleinen Leute?", fragte er sich und unterstrich, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Humorvoll setzte sich Friedrich Schorlemmer den von den Parteifreunden geschenkten Feuerwehrhelm auf und fand gleich treffende Worte: "Man sollte, wenns ganz hart kommt, einfach mit dem Kopf durch die Wand gehen" und stand noch für Fragen Rede und Antwort, ehe es am Abend zum nächsten Termin in die Oberhofenkirche ging.

 

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