Netz auf dem Prüfstand

Veröffentlicht am 01.10.2010 in Kreisverband

Ulms OB Gönner erklärt, beim Netzbetrieb komme es auf Wirtschaftlichkeit an. FOTO: Staufenpress

TOBIAS FLEGEL, Neue Württembergische Zeitung

Göppingen. Will Göppingen sein Stromnetz selbst betreiben, muss sich die Stadt im Wettbewerb behaupten. Fachleute raten deshalb, eine Entscheidung auf Basis rein wirtschaftlicher Kriterien zu treffen.

Die Stadt steht vor einer wichtigen Entscheidung. Göppingen hat Ende September seinen Vertrag mit dem Energieversorger ENBW gekündigt. Die Kommune muss sich nun bis Ende des Jahres 2012 klar darüber werden, ob sie danach erneut über das Unternehmen Strom beziehen will, zu einem anderen wechselt oder ob sie das Stromnetz selbst betreibt.

Über die richtige Lösung gehen die Meinungen auseinander. Der SPD-Ortsverband hatte deshalb am Donnerstagabend Vertreter aus der Kommunalpolitik und Wirtschaft eingeladen, Licht in die Angelegenheit zu bringen. Göppingens Oberbürgermeister Guido Till, der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner, Donzdorfs Bürgermeister Martin Stölzle sowie Ulrich Kleine, verantwortlich für kommunale Beziehungen bei Energie Baden-Württemberg (ENBW), informierten Bürger und Gemeinderäte in der Stadthalle über Chancen und Risiken eines eigenen Stromnetzes.

Bis Strom beim Verbraucher aus der Dose fließt, hat er mehrere Etappen hinter sich. "Die Wertschöpfungskette gliedert sich in die Erzeugung, den Handel und Transport, sowie die Verteilung und den Vertrieb von Energie", erklärte ENBW-Vertreter Ulrich Kleine den Besuchern. Betreiber von Stromnetzen verteilten den Strom an Kunden - eine Leistung, bei der der Staat zugreife. "Das Glück auf Erden wäre, wenn man für Strom eigene Abgaben verlangen könnte", sagte Ivo Gönner. Die Regulierung der Nutzungsentgelte erschwere es jedoch, profitabel zu arbeiten.

Gönner riet, die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile genau abzuwägen. "Als Netzbetreiber müssen sich Kommunen im Wettbewerb behaupten", sagte der Ulmer OB. Bevor sich Göppingen für einen Alleingang entscheide, solle die Stadt feststellen, in welchem Zustand sich das Stromnetz befinde. Danach gelte es zu beantworten, was an Geld, Personal und Know-how notwendig ist, um die Stromverteilung rentabel zu betreiben. Die Ansicht des Ulmer OBs deckt sich mit der von Donzdorfs Bürgermeister Martin Stölzle. "Die Frage lautet: Kann eine Kommune wirtschaftlich, personell und organisatorisch den Betrieb eines eigenen Netzes stemmen, oder erledigen das besser Dritte", sagte er.

In jedem Falle sollte ein Stromnetz für die Zukunft gerüstet sein. "Betreiber müssen hohe Anforderungen erfüllen, zugleich sinken die Erlöse", prophezeite Ulrich Kleine. Der Trend auf dem Energiesektor gehe zu intelligenten Netzen, die wechselnde Lastrichtungen bewältigen. Dabei fließe Strom nicht mehr nur von einem Kraftwerk zum Verbraucher, sondern Haushalte speisen beispielsweise durch eigene Solaranlagen Energie ins Netz ein.

Martin Stölzle liebäugelt mit dem Wagnis, Strom in eigener Regie an rund 50 000 Bürger zu verteilen. Der Ortschef überlegt, zusammen mit seinen Kollegen aus Eislingen, Ottenbach, Salach und Süßen die Versorgung selbst zu betreiben. "Wir glauben, dass Potenzial da ist, um Gewinne zu erwirtschaften", sagte Stölzle. Der Donzdorfer Bürgermeister hofft allerdings, dass ein weiterer Partner in das Unterfangen einsteigt, der Erfahrung mit dem Betrieb eines Stromnetzes hat.

Göppingens Stadtchef Guido Till will eine Entscheidung zum Wohle der Menschen treffen. "Wir dürfen die Angelegenheit nicht zum Politikum machen", warnte er. Dem Bürger sei es egal, wer das Stromnetz besitze. Nicht egal sei es den Verbrauchern, wenn es Probleme bei der Versorgung oder bei der Wartung gebe. Bis jetzt sei der Gemeinderat auf dem richtigen Weg, eine gute Lösung zu finden. Zwei Gutachten sollen den Stadträten dabei helfen.

Ivo Gönner empfiehlt den Entscheidungsträgern in Göppingen, rasch und vernünftig vorzugehen. "Langes Diskutieren bringt nichts - am besten ist, man arbeitet einen Katalog mit Fragen ab und entscheidet sich dann für oder gegen ein eigenes Stromnetz."

 

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