Islam: Gegen den Generalverdacht

Veröffentlicht am 04.02.2015 in Bundespolitik

SPD-Landeschef Nils Schmid über den Islam in Deutschland in einem Namensartikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Wie hältst du es mit dem Terror? So oder so ähnlich lautet die Gretchenfrage, der sich viele Muslime in diesen Tagen gegenübersehen. Sie zeigt, dass aus den Gewehrläufen der Mörder von Paris neben todbringenden Kugeln noch etwas anderes in unsere Gesellschaft drang: das langsam wirkende Gift des Misstrauens.

Denn so eindrucksvoll die Zeichen der Gemeinsamkeit auch sind, die in Paris und in vielen Städten Deutschlands zu sehen waren, so wenig können sie darüber hinwegtäuschen, dass unser Miteinander zerbrechlich ist.

Ich werde die Frage meiner türkischstämmigen Frau nie vergessen, als bekanntwurde, dass die angeblichen „Dönermorde“ in Wahrheit von einer rechtsextremen Mörderbande begangen wurden: „Müssen wir jetzt Angst haben?“ Sie lebt seit 40 Jahren in Deutschland.

Wir dürfen deshalb nie vergessen, wen wir treffen, wenn wir von „dem“ Islam sprechen: den türkischen Kollegen, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, arbeitet und Wurzeln geschlagen hat; den persischen Exilanten, der vor einer islamistischen Diktatur nach Deutschland geflohen ist und sich nun für die Untaten mörderischer Wirrköpfe rechtfertigen soll; die junge Muslima, die in Deutschland geboren ist, hier ihren Weg zwischen Tradition und Moderne sucht und mit ihrer eigenen Identität Teil dieses Landes sein will.

Sie alle gehören zu Deutschland – mit ihrer Religion, mit ihrem Glauben. Und niemand hat das Recht, sie unter Generalverdacht zu stellen.

Warum sollte sich etwa meine Frau von den Enthauptungen der Schergen des „Islamischen Staates“ distanzieren, wenn zu Recht niemand von mir eine Distanzierung von den Morden eines Anders Breivik erwartet? Zumal jede Geste der Distanzierung wiederum Fragen ihrer Ernsthaftigkeit nach sich zieht.

Ein bezeichnendes Beispiel: Nach einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor für die Opfer der Anschläge von Paris, zu der mehrere muslimische Verbände aufgerufen hatten, wurde sofort die Frage laut, warum nicht mehr Muslime da waren.

Oder wie es in einer Nachrichtensendung im Privatfernsehen hieß: „Für eine muslimische Veranstaltung waren es zu wenige Muslime. Vielleicht 2000. Doppelt so viele kommen, wenn Erdogan Wahlkampf macht in Berlin.“

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals ähnliche Vergleiche zwischen den Besucherzahlen eines Helene-Fischer-Konzerts und den Gedenkveranstaltungen für die Opfer des NSU-Terrors angestellt wurden.

Auch die nun immer wieder verbreitete Formel, dass zwar Muslime zu Deutschland gehörten, „der Islam“ aber noch lange nicht, hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Oder um es deutlich zu sagen: Sie ist völliger Unsinn. Schließlich wären Muslime ohne das Bekenntnis zum Islam keine Muslime.

Zu erklären ist diese sprachliche Verrenkung nur aus der inneren Zerrissenheit der Unionsparteien, die zugleich die gesellschaftliche Mitte und den rechten Rand bedienen wollen. Doch wer Ressentiments bekämpfen will, kann sie nicht gleichzeitig schüren.

All das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die islamischen Gemeinden in Deutschland vor schmerzhaften Fragen stehen: „Wie kann es sein, dass im Namen unserer Religion solche Greueltaten verübt werden? Warum folgen junge Menschen aus unserer Mitte islamistischen Rattenfängern und werden zu Mördern? Was können wir tun, um dies in Zukunft zu verhindern?“

Und es führt kein Weg daran vorbei, sie schonungslos zu beantworten. Nicht, weil es Muslimen von außen aufgetragen wird. Sondern weil ein Islam, der sich als Teil dieser Gesellschaft versteht, nicht zusehen kann, wie in seiner Mitte Hass und Zwietracht gesät werden.

Für alle Nichtmuslime verbietet sich dabei jeglicher Hochmut. Als gläubiger Christ weiß ich um die alles andere als unbefleckte Geschichte meiner eigenen Religion. Als Deutscher habe ich gelernt, dass aus der Geschichte unseres Volkes zwar nicht individuelle Schuld, aber doch eigene Verantwortung erwächst.

Und als westliche Gesellschaften insgesamt stehen wir alle vor denselben Fragen. Denn es sind Kinder ebendieser, unserer Gesellschaften, die in Syrien und in Paris im Namen einer religiös verbrämten Ideologie morden. So müssen wir uns alle gemeinsam der Frage stellen, was wir tun können, um die Feinde der Freiheit zu bekämpfen, ohne diese Freiheit selbst aufzugeben.

Die Antwort lautet: nicht weniger, sondern mehr Offenheit, nicht weniger, sondern mehr Miteinander. Wer die Muslime in unserem Land unter Generalverdacht stellt, betreibt ungewollt das Geschäft der Terroristen. Deren Ziel ist es, Muslimen zu zeigen, dass sie hier nicht dazugehören. Unsere Aufgabe ist es, das Gegenteil zu beweisen.

 

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