Ein Leuchtturm in seiner Zeit

Veröffentlicht am 05.08.2009 in Kreisverband

Blumhardts Gradlinigkeit hat sie berührt: Ute Vogt bei der Kranzniederlegung an seinem Grab. FOTO: J. Schäfer

Gedenken an Christoph Blumhardt: Vorbild und Bedeutung für Bad Boll

Die Kirche verstieß ihn, die SPD verehrte ihn: Der Pfarrer und Kurhausbesitzer Christoph Blumhardt war zu Lebzeiten umstritten. Sein 90. Todestag rückt ihn wieder in Erinnerung. Wie sieht man ihn heute?

JÜRGEN SCHÄFER, Geislinger Zeitung

Bad Bol. Der Bad Boller Bürgermeister Hans-Rudi Bührle würdigt beide Blumhardts, Vater Johann Christoph und Sohn Christoph, als Begründer der spirituellen Kraft, die Bad Boll zugeschrieben wird. Diese spirituelle Heilkraft sei geradezu als viertes Heilmittel von Bad Boll zu betrachten, sagt Bührle, neben dem Schwefelwasser, dem Jurafango und der Mineraltherme. Nicht von ungefähr habe man früher gesagt: "Bad Boll ist ein Ort, wo der Heiland regiert."

Pfarrer Steiner-Hilsenbeck aus Dürnau/Gammelshausen, der am Gedenkgottesdienst für Christoph Blumhardt im Kurpark mitwirkte, ist auf den bedeutenden Mann im Theologie-Studium gestoßen. "Wir waren 68er, da war einer wie Blumhardt für uns eine herausragende Gestalt", erzählt der gebürtige Reutlinger. Weil der Kurhausbesitzer aus Bad Boll seinem Gewissen gefolgt sei und für die Arbeiter eintrat - ohne Rücksicht auf eigene Nachteile. Dies habe auch die Landeskirche im Laufe der Zeit anerkannt, sagt Steiner-Hilsenbeck. "Das ist schon lange geschehen."

Für den langjährigen SPD-Landtagsabgeordneten und früheren Innenminister Frieder Birzele ist Blumhardt ein großer alter Mann der Sozialdemokratie - und ein Vorgänger. Auch Blumhardt war SPD-Abgeordneter des Wahlkreises Göppingen in Stuttgart, allerdings noch im rein württembergischen Landtag. Größten Respekt hat Birzele vor Blumhardts Wahlergebnis, "das ich selber nie erreicht habe: Er wurde direkt gewählt, mit an die 60 Prozent der Stimmen." Birzele hat sich mit Blumhardt beschäftigt und ist fasziniert, wie der Mann aus der Oberschicht damals vor der Arbeiterschaft auftreten konnte. "Mit einem Sechsspänner ist er zu einer Wahlveranstaltung in Göppingen vorgefahren. Das ist so, als käme heute ein Kandidat mit dem Rolls Royce."

Die SPD-Landtagsabgeordnete Ute Vogt hat von Blumhardt erst erfahren, als sie auf Landesebene tätig wurde. In ihrer badischen Heimat kenne man ihn kaum. Sehr berührt habe es sie, dass Blumhardt sein Amt als Pfarrer abgeben musste und trotzdem bei seiner Entscheidung geblieben sei. "Das verdient alle Hochachtung." Perfide sei es, wie man damals die SPD-Mitglieder als gottlose Gesellen abgestempelt habe. Blumhardt selbst habe dies nach der ersten Berührung mit den Genossen anders wahrgenommen und gesagt: "Ich bin mit soviel Liebe aufgenommen worden und erkenne: Hier wird Gott nicht geleugnet, jedenfalls nicht mehr als in anderen Teilen der Bevölkerung." Als Grundübel seiner Zeit habe Blumhardt die Spekulation auf Geld bezeichnet, weiß Vogt - "wie heute auch wieder."

 

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