Wie viel Kirche braucht der Staat?

Veröffentlicht am 21.06.2010 in MdB und MdL

Das Verhältnis von Kirche und Staat bietet Gesprächsstoff. Das Bild zeigt eine Orgelnacht in St. Maria. FOTO NWZ-Archiv

VERENA HERWIG, Neue Württembergische Zeitung

Göppingen. Bei einer Veranstaltung im Gemeindezentrum Sankt Maria wurde der Frage: "Wie viel Kirche braucht der Staat?" nachgegangen. Im Gespräch war unter anderem die Kirche als Arbeitgeber und ihr Engagement.

Wie steht es in Deutschland um die Verbindung von Religion und Politik? Was wünschen wir uns für die Zukunft? Diesen und anderen Fragen wurde bei einer öffentlichen Gesprächsrunde der SPD in Göppingen nachgegangen. Zu Gast waren unter anderem der SPD-Landtagsabgeordnete Peter Hofelich, der kirchenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Ingo Rust, sowie der evangelische Dekan Rolf Ulmer. Themen wie die Kirchensteuer, das Kruzifix im Klassenzimmer, das Kopftuchverbot an Schulen, die Rolle der Kirchen im Sozialbereich, der Bildungs- und Betreuungsbereich oder der Denkmalschutz sind Berührungspunkte, die sowohl die Politik als auch die Kirchen beschäftigen.

Zu Beginn der Fachgesprächsrunde meinte Peter Hofelich zu den etwa 45 Zuhörern, dass die Frage ,Wie viel Kirche braucht der Staat? ein Thema sei, "das in Göppingen auf fruchtbaren Boden fällt". Anschließend kamen der Dekan Rolf Ulmer und der Landtagsabgeordnete Ingo Rust zu Wort. "Der Staat ist nicht Kirche, und die Kirche ist nicht Staat", betonte der Dekan, der das Gespräch aus Sicht der christlichen Kirchen beleuchtete. Das sei zwar eine banale Aussage aber dennoch richtig, wie er anschließend erläuterte. Dennoch bediene sich der Staat religiöser Züge, wie Fahnenappelle oder Massenaufläufe zeigten, und brauche auch unter anderem christliche Werte, wie die zehn Gebote. Weiter sagte Ulmer, die Kirche sei Partner und kritisches Gegenüber des Staates. "Zwischen Kirche und Staat herrscht eine enge und bewährte Zusammenarbeit, die aber nicht zu Abhängigkeit führen darf."

Auch Ingo Rust ist der Meinung, dass es in Deutschland ein "fein abgestimmtes Verhältnis zwischen Staat und Kirche" gebe - ohne Kirchenstaat und Staatskirchen, wie er erläuterte. Als die Kirchensteuer Thema wurde, sagte er schmunzelnd: "Ich hätte schon noch zugegeben, dass der Staat das nicht ganz umsonst macht." Allerdings, wie Rust einwarf "haben wir Staatsleistungen im zweistelligen Millionenbereich an die Kirchen." Der Staat agiere zudem als Auftraggeber. Er sprach ebenfalls über Berührungspunkte von Kirche und Staat, wie beispielsweise die vielen denkmalgeschützten Gebäude, die Kircheneigentum sind, die Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen beispielsweise oder die Ladenöffnungszeiten, bei denen sich die Kirchen speziell zum umstrittenen verkaufsoffenen Sonntag immer wieder zu Wort melden. "Auch an Kirchen sind gewisse Schranken gestellt, sie müssen sich an Recht und Gesetz halten", fügte der kirchenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion hinzu.

Anschließend startete der Schwerpunkt der Diskussionsrunde: Die Gäste im Göppinger Gemeindezentrum St. Maria konnten Fragen stellen und bei den Staats- und Kirchenvertretern kritisch nachhaken. Dabei wurde über den Unterschied zwischen Religion und Kirche, Werteorientierung, die Kirche als Arbeitgeber, die Arm-Reich-Schere, Glaubwürdigkeit, Engagement und Durchsetzungsfähigkeit der Kirche und auch über Bildung und Erziehung gesprochen.

 

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