"Historischer Wendepunkt"

Veröffentlicht am 17.03.2010 in Kreistagsfraktion

Am Geisl. Bahnhof eine RB und eine S-Bahn fürs Ruhrgebiet, die Testfahrten auf der Geisl. Steige machte. FOTO: Fleischer

Der S-Bahn-Anschluss bietet einmalige Chancen: So sahen es die Referenten einer Informations- und Werbeveranstaltung der SPD. Nicht umsonst kamen sie dazu nach Geislingen, in die Stadt der S-Bahn-Skeptiker.

RODERICH SCHMAUZ, Neue Württembergische Zeitung

Geislingen. Rund 40 Zuhörer fanden sich am Montagabend in Geislingen zu einer Infoveranstaltung der SPD über die Chancen eines S-Bahn-Anschlusses und den Beitritt zum Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) ein. Zum Sachstand erläuterte VVS-Geschäftsführer Horst Stammler: Eine Verlängerung der S-Bahn bis Göppingen, Süßen oder Geislingen ist derzeit betrieblich im Stundentakt möglich. Die S-Bahn würde dann die im selben Takt fahrende Regionalbahn ersetzen. Angestrebt wird aber ein 30-Minuten-Takt - mit der Entlastung der Filstalstrecke nach Fertigstellung der Schnellbahntrasse. Er verspräche 3800 Fahrgäste mehr pro Tag bei 50 Millionen Euro Anschaffungskosten für zehn neue Züge, acht Millionen Euro für Bahnsteigumbauten sowie zusätzlich laufenden Betriebszuschüssen. Mit Landesförderung und über die Kreisumlage müsste das finanziert werden.

Bisher fahren laut Stammler pro Tag 11 000 Personen aus dem Kreis Göppingen in das VVS-Gebiet hinein und wieder heraus. Sofort realisierbar wäre eine Tarifintegration des Kreises Göppingen in das "erfolgreiche Großsystem" VVS in zwei Schritten: zuerst für die Bahn und die von Bahnhöfen ausgehenden Buslinien, später komplett. Der VVS verlangt kein Beitrittsgeld mehr. Stufe eins würde den Kreis Göppingen pro Jahr 1,7 Millionen Euro kosten. In vielen Fällen würden bereits Eintrittskarten ins Daimlerstadion, in die Schleierhalle oder zur Neuen Messe die kostenlose VVS-Benutzung beinhalten, gab Stammler zu bedenken. Tickets und Sondertarife seien zugeschnitten auf Studenten, Schüler und Senioren.

Für Geislingen als "Wurmfortsatz" gelte, wer am weitesten entfernt ist, hat den geringsten Nutzen, meinte der Göppinger IHK-Präsident Wolf Martin. Dennoch plädierte er nachdrücklich für den S-Bahn-Anschluss. Er verspricht sich davon enorme wirtschaftliche Impulse - bei der Bevölkerungsentwicklung, Arbeitsplätzen, für die Wohnstandorte, den Handel und den Tourismus. Alle Regionen mit S-Bahn-Anschluss hätten sich positiv entwickelt, argumentiert Martin. Er sieht allein schon im Namen S-Bahn ein Markenzeichen.

Ins selbe Horn stieß der Göppinger Bürgermeister Jürgen Lämmle. Der SPD-Regional- und Kreisrat warnte: "Wir dürfen den Anschluss an die Region nicht verschlafen." Gerade Geislingen sieht er an einem "historischen Wendepunkt". Die Alternative laute, ob die Stadt "weiter abgehängt" oder zum Scharnier werde zwischen den Verkehrssystemen und Tarifverbünden zwischen Stuttgart und Ulm. "Man muss in Chancen denken", mahnte Lämmle. Für einen raschen Tarifverbund mit dem Ulmer "DING" plädierten auch Stammler oder der Geislinger Gewerbevereinsvorsitzende Günter Baur.

Als großes Plus der S-Bahn beschrieb Stammler, dass durch viele Haltestellen Reisende nicht umsteigen müssen - sie können von Kuchen nach Untertürkheim fahren. Die direkte Erreichbarkeit werde viel größer. Durch zusätzliche Halte im Kreis Esslingen und Raum Stuttgart im Vergleich zur Regionalbahn verlängern sich Fahrzeiten. Auch Stammler ist klar: "Wenn man mit der S-Bahn länger unterwegs ist, kann man das Ganze vergessen." Ein Geislinger, der ins Zentrum von Stuttgart will, werde weiterhin den Regionalexpress benutzen. Bei einem S-Bahn-Endpunkt Geislingen sieht Stammler aber nicht die Geislinger zum Einkaufen gen Stuttgart fahren, er prophezeit im Gegenteil der Fünftälerstadt einen Boom an Freizeitgästen aus dem Ballungsraum. Andersherum betrachtet wäre das Schlimmste, würde Geislingen von der S-Bahn abgehängt, meinte Stammler.

Der SPD-Kreisvorsitzende Sascha Binder gab zu bedenken, dass der Landkreis bisher sehr wenig Geld für den ÖPNV ausgebe. Der Filstaltakt, den das Land zahlt, sei labil. Er bestehe bloß noch, "weil der Ulmer OB daran ein Interesse hat".

Bisher stehen laut Gutachten bis zu 30 Prozent mehr Kilometerleistung weniger als zehn Prozent mehr Fahrgäste gegenüber, wandte in der Diskussion Martin Hommel ein. Alle Referenten auf dem Podium verwiesen denn auch darauf, dass erst in mehreren Jahren eine Kosten-Nutzen-Analyse den weiteren Weg weisen werde.

 

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